- 4 -

So z. B. schreibt Cassiodor, ein römischer Senator (480 - 575), in seiner Schrift "De institutione divinarum litterarum" den Mönchen in Vivarium: "Pinacern Diongsii (die Ostertafel des Abtes Dionysius) discite breviter comprehensum." Sodann wird uns berichtet [1] dass von den Geistlichen unter Karl dem Grossen, der nach dem Zeugnis seines Biographen Einhard selbst die Ostertechnik lernte, die genaue Kenntnis des Computus verlangt wurde. Und der römische Kanonist Durandus "1237 - 1296) Sagt in dieser Beziehung:[2] "Nach einer Bemerkung des hl. Augustinus sind die Priester verpflichtet, den Computus zu kennen; sonst verdienen sie nicht, Priester zu heissen. Darunter verstehen wir die Kenntnis des Verlaufe des Sonnen- und Mondjahres und der Einrichtung des Kalender; der Computus besteht nämlich darin, die Zeit nach dem allmählichen Vorwärtsschreiten der Sonne und des Mondes richtig zu ordnen."[3] Fast alle mittelalterlichen liturgischen Werke sind daher mit Kalendern und mit einer mehr oder weniger ausführlichen Belehrung über den Computus versehen.[4] Auch die gelehrte Äbtissin Herrad von Landsberg (12. Jahrhundert) gibt in ihrem berühmten encyklopädischen Werke "Hortus deliciarum" eine derartige Anleitung.[5]

Wie anders ist es heutzutage! Jetzt beschäftigen sich nur mehr wenige mit diesem chronologischen Gegenstande, selbst die Angehörigen des Gelehrtenstandes nicht. E. Schwartz spricht in seinem vortrefflichen Werke "Christliche und jüdische Ostertafeln" (Berlin 1906) mit einer gewissen Ironie mehrmals die


1 Monument. Germ. hist. LL. 1, 65. 107. 125 und sonst. Vgl. auch Hoffmans Einleitung zu den komputistischen Werken des Dionysius Exiguus bei Migne Patrol. lat. LXVII S. 471 Anm. b.
2 Rationale divin. offic. VIII c. 1.
3 Hier ist der Begriff des Worte Computus nicht so eng begrenzt wie gewöhnlich.
4 Kalendarien vom 7. bis 11. Jahrhundert sind aufgezählt von Kellner, Heortologie (Freiburg 1906) S. 288 ff.; diese und noch viele andere sind herausgegeben von Martene - Durand, Mignet, Misset und Weales, Piper, Grotefend, Chevalier, Lechner. d'Achery u. a.
5 Vgl. die fragmentarische Abbildung ihres Kalenders in dem durch die Societe pour la conservation des monuments hist. de l'Alsace (texte explic. par le chan. G. Keller) herausgegebenen "Hortus delic.", planche 78; ferner Piper. Die Kalendarien etc. sowie der Computus der Herrad von Landsperg (Berlin 1862) S. 21 ff. - Eine zutreffende wenn auch etwas umständliche Anweisung für die Osterberechnnng gibt in seinem nur handschriftlich erhaltenen, jetzt im Besitze des Strassburger Buchhändlers G. Fehn befindlichen Werkchen der Kapuzinerpater Raphael; es hat den Titel: "Erklärung aller notwendigen Regeln einen immerwährenden Kirchen - Kalender zu verfertigen durch P. Raphael Kapuziner A. 1779." In der Vorrede sagt der Verfasser: "Weilen die Rubrica Breviari sehr dunkel, und die beweglichen Feste nur bis 1900 anzeiget, so habe ich dieses Werklein in einer dienlichen Erklärung verfertiget, und den Liebhabern alle Mittel und Wege, dieselbe leicht zu finden, zu erkennen geben wollen ..." Am Schluss der Vorrede heisst es: "gemacht in Strassburg 1779." Das Büchlein, das 63 schön beschriebene Seiten in 8 zählt, liefert die gregorianischen Osterdaten der Jahre 1780 - 2080 mit mancherlei Zutaten.